Gestern abend hab ich also endlich J. getroffen. Er führt ein Leben, das von meinem Leben komplett verschieden ist. Ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich so eine Luxus-Maus bin (zum Beispiel hat unsere Wohnung eine funktionierende Dusche und die Obdachlosenküche des Thailänders an der Ecke hab ich auch noch nie besucht) und hab dann auch seine sechs Bier bezahlt (die in der Kneipe, die er ausgesucht hatte, sowieso nichts gekostet haben).
Er wirkte sehr glücklich mit diesem Leben und immerhin konnte er um halb zwölf noch in der Kneipe sitzen bleiben und noch ein Bier bestellen, während ich nach Hause musste, nachdem ich den halben Abend Wein, dann aber Wasser getrunken hatte, um am nächsten Tag wieder zu arbeiten. Er ist heute mittag aufgestanden, hat ein bisschen Musik gehört und dann eine Weile an seinem Roman geschrieben. Ich hatte heute mittag schon drei-vier Eskalationen hinter mir und musste die Mittagspause ausfallen lassen, um klar zu kommen. Er hat heute nachmittag Freunde getroffen und saß schon längst wieder in einer Kneipe, als ich erst aus der Agentur kam und feststellen musste, dass wir kein Klopapier mehr zu Hause haben und auch längst alle Supermärkte geschlossen sind. Er hat morgen wieder ein Tag vor sich, an dem er weitestgehend selbst bestimmen kann was er tut, ich hab drei Deadlines.
Und jetzt die Masterfrage: Wem geht es alles in allem besser? Ich weiß es nicht.
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Dienstag, Januar 15
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